Wie du anfängst, ohne dich zu überfordern
Bei mir hat sich vieles erst bewegt, als ich angefangen habe, Dinge aufzuschreiben, statt sie nur im Kopf hin und her zu wälzen. Ich habe mir notiert, wo ich hinwill, welche Schritte dazwischen liegen und vor allem, warum mir das eigentlich wichtig ist. Auf dem Papier sah manches plötzlich ganz anders aus als in meinen Gedanken.
Bei Schattenarbeit ist das ähnlich. Im Kopf drehen sich unangenehme Gefühle gern im Kreis, und irgendwann denkst du nur noch darüber nach, wie blöd es ist, dass du dich so fühlst. Beim Schreiben musst du einen Satz zu Ende bringen, bevor der nächste kommt. Das macht dich langsamer, und genau dadurch siehst du Dinge, an denen du sonst vorbeigedacht hättest.
In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du ein Schattenarbeit-Journal beginnst, welcher Ablauf dir dabei Halt geben kann und was dir am Anfang begegnen wird. Was Schattenarbeit grundsätzlich ist, erkläre ich in meinem Beitrag Shadow Work/Schattenarbeit erklärt.
Du musst nicht wissen, wohin dich ein Satz führt, um ihn aufzuschreiben.
Was du dafür brauchst
Ein Notizbuch, das nur dir gehört, und einen Stift. Mehr nicht. Es muss weder schön noch teuer sein, wichtig ist nur, dass du sicher sein kannst, dass niemand mitliest. Sonst schreibst du, ohne es zu merken, für ein Publikum und nicht für dich.
Plan dir etwa fünfzehn Minuten ein, am besten abends, wenn der Tag vorbei ist und nichts mehr von dir erwartet wird. Manche beginnen gern an einem Neumond, weil es sich wie ein kleiner Neuanfang anfühlt. Nötig ist das nicht. Der beste Zeitpunkt ist der, an dem du tatsächlich anfängst.
Ein Ablauf, der dir Halt gibt
Gerade am Anfang hilft es, jedes Mal ungefähr denselben Weg zu gehen. Dann musst du nicht jedes Mal überlegen, wie du einsteigst, und kannst dich ganz auf das konzentrieren, was auftaucht.
1. Ankommen
Schreib zwei, drei Sätze darüber, wie es dir gerade geht. Nicht schön formuliert, einfach ehrlich. „Ich bin müde und ein bisschen gereizt“ reicht völlig.
2. Einen Moment auswählen
Denk an eine Situation aus den letzten Tagen, in der du stärker reagiert hast, als es eigentlich nötig gewesen wäre. Vielleicht hat dich eine Nachricht gekränkt oder ein Kommentar hat dich den ganzen Abend beschäftigt. Beschreib kurz, was passiert ist.
3. Dem Gefühl nachgehen
Welches Gefühl war da genau, und wo hast du es im Körper gespürt? Kennst du es von früher? Oft merkst du an dieser Stelle, dass die Reaktion älter ist als die Situation, die sie ausgelöst hat.
4. Nach dem Warum fragen
Das ist für mich der wichtigste Schritt. Frag dich, wovor dich diese Reaktion schützen wollte. Hinter fast jedem Schatten steckt ein Grund, der irgendwann einmal Sinn ergeben hat, und erst wenn du den kennst, kannst du überlegen, was du heute anders machen möchtest.
5. Freundlich abschließen
Schreib zum Schluss einen Satz an dich selbst, so wie du ihn einer guten Freundin sagen würdest. Dann klapp das Buch zu. Der Eintrag muss nicht fertig sein, um gut zu sein.
So könnte ein Eintrag aussehen
Heute hat eine Freundin unser Treffen eine Stunde vorher abgesagt. Ich habe geschrieben „Kein Problem!“ und mich danach den ganzen Abend mies gefühlt. Das Gefühl war nicht Enttäuschung, eher so etwas wie: Ich bin wohl nicht so wichtig. Das kenne ich von früher, wenn ich zurückgesteckt habe, um niemandem zur Last zu fallen.
Wovor schützt mich das? Wahrscheinlich davor, zu viel zu wollen und dann enttäuscht zu werden. Wenn ich gar nicht erst sage, dass mir etwas wichtig ist, kann mich auch niemand zurückweisen.
Was ich mir heute sagen möchte: Es ist okay, dass mir das Treffen wichtig war.
Was dir am Anfang begegnen kann
Manchmal fällt dir schlicht nichts ein. Das ist völlig normal und meistens ein Zeichen dafür, dass ein Teil von dir noch vorsichtig ist. Schreib dann einfach auf, dass dir nichts einfällt und wie sich das anfühlt. Erstaunlich oft kommt danach doch etwas.
Es kann auch passieren, dass du ins Grübeln kommst und dich nach dem Schreiben schlechter fühlst als vorher. Dann hilft es, beim nächsten Mal bewusst früher aufzuhören und dem fünften Schritt mehr Raum zu geben. Schattenarbeit soll dich nicht ausbrennen.
Und wenn dich ein Thema richtig aufwühlt oder alte Verletzungen berührt, darfst du jederzeit eine Pause machen. Schattenarbeit ist Selbstreflexion und ersetzt keine Therapie. Manche Dinge brauchen einen geschützten Rahmen mit einer Fachperson.
Wenn du Anregungen brauchst
Nicht an jedem Abend fällt dir von selbst eine passende Situation ein. Für solche Tage habe ich 30 Schattenarbeit-Fragen gesammelt, die du statt Schritt 2 nehmen kannst. Such dir eine aus und geh den Ablauf von dort aus weiter.
Wenn du eine Weile geschrieben hast, fällt dir vielleicht etwas auf: Viele Einträge landen an derselben Stelle. Du reagierst nicht nur in einzelnen Momenten empfindlich, sondern bremst dich auf eine ganz bestimmte Weise immer wieder selbst aus. Dann steckt oft eines von fünf leisen Mustern dahinter.
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Schlag heute Abend die erste Seite auf. Ein Satz ist schon ein Anfang.
deine Steffie von Nebelhain ☽
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